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So antwortet doch! – Der Einfluss von Pausen auf das aktive Lernen

  1. Sun, 9th Mar 2014
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Ein unangenehmer Moment im Hörsaalalltag: der Dozent stellt eine Frage ins Auditorium. Plötzlich herrscht gespenstische Ruhe (oder betretenes Schweigen?). Die Blicke werden unbeteiligt und wer gerade einen Stift in der Hand hat, beginnt eifrig zu schreiben. Der kleine Nervenkrieg beginnt. War es nur eine rhetorisch gestellte Frage? Ist der Dozent hart genug, um die Stille lange genug auszuhalten?  Oder unterbricht wieder einer oder eine der üblichen Verdächtigen aus den ersten Reihen die Situation und antwortet?

Ist man selbst der Fragesteller, wünscht man sich Engagement und Diskussionen, kritische Fragen und Mitdenken. Meist ist das Gegenteil der Fall und die einzigen Fragen beziehen sich auf die Bezugsmöglichkeiten des Skripts und mit welchen Aufgaben in der Klausur zu rechnen ist. Aber wer aus dem Publikum möchte in der plötzlichen Stille schon gerne mit einer ‚falschen‘ Antwort oder Unkenntnis ‚glänzen‘?

Frontalunterricht beruht auf einer stillen Übereinkunft zwischen Redner und Auditorium. Dem Verständnis dass der Redner das Wissen hat, das die Zuhörer noch benötigen (wenn auch vielleicht nur für die nächste Klausur). Das ist nicht immer der Fall. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Seminarreihe. Den Teilnehmern war ich immer nur eine Woche voraus. Jeder Termin wurde von der Befürchtung auf Fragen begleitet auf die ich nicht vorbereitet war. Im Prinzip keine andere Situation als die anfangs geschilderte: die Angst plötzlich und unvorbereitet mit einer Frage konfrontiert zu werden, auf die man keine (sichere) Antwort hat.

Wenn man sich in die Lage der Teilnehmer einer Lehrveranstaltung versetzt, ist die geringe Beteiligung also nicht verwunderlich. Derjenige, der die Antwort ohnehin kennt, stellt eine Frage. Und das Auditorium soll sie ohne Vorbereitung und Zeit zum Überlegen beantworten. Meist mit der Frage im Hinterkopf, ob man in dem kurzen Tagtraum oder dem unaufmerksamen Moment kurz vorher eventuell wichtige Informationen verpasst hat. Aber wie umgeht man diese missliche Lage?

Michael Prince hat Forschungsergebnisse zur Effektivität aktiven Lernens zusammengetragen und ausgewertet. Als Einstieg in das Thema sieht er darin kurze Pausen in konventionelle Lehrveranstaltungen einzuführen1. Pausen, in denen die Studierenden ihre Notizen mit ihrem Nachbarn abgleichen. Und er verweist auf Ruhl2 und DiVesta3, die für diese einfache Methode eine signifikante Verbesserung des kurz- und langfristigen Erinnerungsvermögens festgestellt haben.

Diese kurzen Pausen waren auch mein Einstieg in das aktive Lehren bzw. Lernen. In weiteren Schritten habe ich mich immer weiter aus der Rolle als ‚Wissensvermittler‘ herausgezogen. Indem ich Phänomene nicht mehr erklärt, sondern Fragen aufgeworfen habe. Indem ich nicht die logischen Zusammenhänge dargestellt, sondern das vorliegende Alltagswissen in Frage gestellt habe. Setzt man dieses Vorgehen geschickt ein, sind die verschiedenen Kenntnisse und Methoden plötzlich nicht nur ein Themengebiet der nächsten Klausur. Sie sind die Grundlage, um die nächsten Fragen und Probleme zu lösen.

Für mich war es erstaunlich wie sich auf einmal der Großteil der Studierenden – nicht nur die ‚üblichen Verdächtigen‘ – aktiv am Geschehen beteiligt haben. Selbst wenn Prince von Gegnern zu den unterschiedlichen Methoden und ihren Ergebnissen spricht – aktive Seminare machen auch als Lehrender wesentlich mehr Spass. Der nächste logische Schritt war für mich der ‚Flipped Classroom‘, um mehr Platz für die interessanten Fragen und Probleme zu haben.
Wenn jetzt Ruhepausen nach Fragen auftauchen ist es keine angespannte Stille mehr, sondern die Ruhe vor der Diskussion.

Empfehlenswerte Literatur

  • Einen Überblick über die Methoden und die Wirksamkeit aktiven Lernens liefert Prince, M. J. , “Does active learning work? A review of the research,” Journal of Engineering Education, vol. 93, no. 3, pp. 223–232, 2004.
  • Ein praktisches Beispiel zum Thema ‘Flipped Classroom’ (inklusive Bewertung der Wirksamkeit) findet man bei Deslauriers, L., E. Schelew, and C. Wieman, “Improved Learning in a Large-Enrollment Physics Class,” Science, vol. 332, no. 6031, pp. 862–864, 2011.
  • Für die Übertragung auf den Bereich der Ingenieurausbildung ist dieser Artikel zu empfehlen: Dym, C. L. , A. M. Agogino, O. Eris, D. D. Frey, and L. J. Leifer, “Engineering design thinking, teaching, and learning,” Journal of Engineering Education, vol. 94, no. 1, pp. 103–120, 2005.

  1. Prince, M. J. , “Does active learning work? A review of the research,” Journal of Engineering Education, vol. 93, no. 3, pp. 223–232, 2004.

  2. Ruhl,K., C.Hughes and P.Schloss,“Using the Pause Procedure to Enhance Lecture Recall,” Teacher Education and Special Education, Vol. 10, Winter 1987, pp. 14–18.

  3. Di Vesta, F. and D. Smith, “The Pausing Principle: Increasing the Efficiency of Memory for Ongoing Events,” Contemporary Educational Psychology, Vol. 4, 1979.

 

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